13. Juni 2026
Wann trägt mein Pferd eigentlich?
Ich kenne es noch aus meinem Unterricht von früher. Meine damalige Reitlehrerin sagte oft: Oh wow, schau mal, wie toll er untertritt, so ist es gut!"
Und ich saß oben drauf und dachte mir: Klingt super, keine Ahnung, ich sehe hinten zwar nicht wirklich was, aber wenn alle begeistert sind, dann freue ich mich mal mit.
Irgendwann fragt man sich aber doch: Ist weit unter den Schwerpunkt treten automatisch Tragkraft?
Genau darum geht es in diesem Beitrag:
Was ist Schubkraft? Was ist Tragkraft? Woran erkenne ich den Unterschied? Welche Lektionen helfen meinem Pferd dabei, wirklich tragfähiger zu werden?
Schubkraft ist erstmal nichts Schlechtes
Schubkraft bedeutet erstmal ganz einfach: Das Pferd schiebt sich nach vorne.
Der Antrieb kommt dabei vor allem aus der Hinterhand. Die Hinterbeine setzen auf, die Gelenke beugen sich und dann drückt sich das Pferd vom Boden ab.
Das Hinterbein drückt also schräg nach hinten in den Boden. Der Boden gibt diese Kraft zurück und daraus entsteht der Impuls nach vorne.
Oder weniger physikalisch gesagt:
Das Pferd versucht, den Boden nach hinten wegzuschieben. Der Boden sagt „nö“ und das Pferd bewegt sich nach vorne.
Ein Selbstversuch
Stell dir vor: Du gehst im Wald spazieren und du achtest ganz genau darauf, wann Du Deinen Fuß auf den Boden aufsetzt und was passieren muss, damit du ein Fleckchen weiter kommst. Du hebst deinen rechten Fuß und setzt ihn vor dir auf den weichen Waldboden. Im ersten Moment passiert noch kein Vortrieb. Du spürst nur, wie dein Körpergewicht nach unten drückt. Der Boden hält stand, er drückt mit genau derselben Kraft nach oben. Du stehst stabil.
Jetzt rollst du den Fuß über die Sohle nach vorne ab, bis du auf dem Ballen stehst. Dein Körperschwerpunkt wandert über den Fuß hinaus nach vorne. Im Grunde fängst du in diesem Moment an, kontrolliert nach vorne zu fallen.
Nun passiert das, was dich das Fleckchen weiterbringt: Deine Waden- und Oberschenkelmuskeln spannen sich an. Du krallst deine Zehen leicht in den Waldboden, greifst nach Halt im Laub und drückst deinen Fuß aktiv und kraftvoll schräg nach hinten weg. Das ist deine Aktion. Du versuchst quasi, die Erde unter dir nach hinten wegzuschieben.
Weil die Erde aber viel zu schwer ist, verschiebt sie sich nicht. Stattdessen antwortet der Waldboden sofort nach dem Gesetz von Aktion gleich Reaktion: Er hält dagegen und leitet die Kraft, mit der du nach hinten drückst, als Schubkraft schräg nach vorne in deinen Körper zurück. Dieser unsichtbare Impuls schiebt dein Becken und deinen Oberkörper nach vorne.
Während dein rechter Fuß noch den letzten Schub vom Boden aufnimmt und sich ablöst, schwingt dein linker Fuß bereits schwerelos durch die Luft nach vorne. Er holt deinen nach vorne katapultierten Körper ein, fängt ihn auf und setzt ein Fleckchen weiter vorne wieder auf dem Boden auf. Das Spiel beginnt von vorn: Jeder Schritt ist ein Wechselspiel aus Nach-hinten-Drücken und Nach-vorne-Geschoben-Werden.
Ist Schubkraft schlecht?
Nein, überhaupt nicht.
Es ist wichtig zu verstehen, dass Schub- und Tragkraft keine "Gegenspieler" sind, wie das heutzutage oft verstanden wird. Es sind Partner und wir brauchen von jedem Etwas, um Bewegung überhaupt möglich zu machen.
Das Verhältnis zwischen den physikalischen Kräften muss stimmen: Wenn zu viel Schubkraft im Spiel ist, explodiert der Energiebedarf förmlich. Das liegt daran, dass das Überwinden von Trägheit, Schwerkraft und Luftwiderstand bei extremen Geschwindigkeiten immer ineffizienter wird.
Problematisch wird es also erst, wenn sehr viel Schub nach vorne entsteht, aber zu wenig Tragkraft da ist, um diese Energie zu sortieren und abzufangen.
Was passiert bei zu viel Schub?
Wenn ein Pferd stark nach vorne schiebt, aber die Hinterhand nicht genug Last aufnimmt, läuft die Energie ziemlich ungebremst nach vorne durch den Körper.
Die Vorhand muss diese Energie dann auffangen. Die Vorderbeine tragen nicht nur Gewicht, sondern müssen zusätzlich bremsen und stabilisieren.
Von außen sieht das manchmal sogar erstmal fleißig aus. Viel Bewegung, viel Bein, viel Energie. Aber viel Bewegung ist eben nicht automatisch gute Bewegung.
Manchmal ist es einfach nur:
viel los, wenig Ordnung.
Tragkraft ist mehr als "weit untertreten"
Jetzt kommt der Punkt, der oft missverstanden wird:
Ein Pferd trägt nicht automatisch mehr, nur weil das Hinterbein weit nach vorne unter den Bauch tritt.
Natürlich kann ein aktives Hinterbein gut sein. Aber ein weites Vortreten allein bedeutet noch nicht, dass das Pferd wirklich Last aufnimmt.
Echte Tragkraft entsteht, wenn das Pferd seine Hinterhand mehr beugt, den Rumpf stabilisiert und die Vorhand entlastet.
Das Pferd soll also nicht einfach nur „mehr Bein nach vorne“ machen. Es soll lernen, die Kraft besser zu organisieren.
Oder anders gesagt:
Nicht einfach größer laufen. Sondern besser tragen.
Rolle des Reiters
Natürlich sitzt der Reiter bei dem Ganzen nicht einfach nur dekorativ oben drauf. Auch wenn wir uns das an manchen Tagen vielleicht wünschen würden.
Als Reiter sitzen wir mitten in dieser Bewegung. Die Energie des Pferdes läuft durch den Körper und wir müssen sie aufnehmen können.
Wenn mein Becken fest ist, meine Hüfte blockiert oder ich mit der Hand zu stark gegenhalte, dann störe ich diesen Energiefluss. Die Bewegung kann nicht sauber durch den Körper des Pferdes gehen. Das Pferd wird fest, drückt gegen die Hand oder verliert den Takt.
Gute Hilfen sollen sortieren.
Welche Lektionen helfen bei Tragkraft
Tragkraft entsteht nicht durch eine einzelne Lektion. Es gibt nicht diese eine magische Übung, nach der das Pferd plötzlich sagt: „Ah, verstehe. Ab heute trage ich mich selbst.“
Es ist eher ein Prozess. Und dieser Prozess braucht Zeit, Kraft, Koordination und gutes Timing.
Hilfreich sind zum Beispiel:
Übergänge
Übergänge sind super wertvoll, wenn sie sauber geritten werden. Sie helfen dem Pferd, seine Balance zu finden und nicht einfach nach vorne auszulaufen.
Besonders spannend sind Übergänge innerhalb einer Gangart, also zum Beispiel im Trab etwas zulegen und wieder aufnehmen.
Wichtig ist dabei: Nach dem Übergang sollte das Pferd nicht sofort wieder auseinanderfallen. Genau der Moment danach zeigt, ob das Pferd die Balance selbst halten kann.
Halbe Paraden
Halbe Paraden helfen dabei, die Energie neu zu ordnen. Nicht als Ziehen an der Hand, sondern als kurze Abstimmung zwischen Sitz, Bein und Hand.
Im besten Fall sagt die halbe Parade:
„Einmal kurz sortieren, bitte.“
Und danach darf die Hilfe wieder verschwinden.
Schulterherein
Schulterherein ist eine meiner liebsten Lektionen, wenn es um Tragkraft, Balance und Körperkontrolle geht.
Es hilft dem Pferd, mehr Last aufzunehmen, die Schultern besser zu kontrollieren, den Rumpf aktiver zu nutzen und den Brustkorb besser zwischen den Schultern zu stabilisieren.
Travers und Renvers
Auch Travers und Renvers können sehr hilfreich sein, weil sie die Hinterhand gezielter ansprechen und das Pferd geschmeidiger machen.
Wichtig ist aber: Nicht einfach irgendwie seitwärts. Seitengänge sollen nicht aussehen wie „wir verlassen gemeinsam die Reitbahn, wissen aber nicht warum“.
Volten und gebogene Linien
Gebogene Linien fördern Balance, Biegung und Koordination. Aber nur, wenn sie passend gewählt werden.
Zu kleine Volten, zu wenig Kraft oder zu viel Ziehen führen eher dazu, dass das Pferd nach innen kippt. Und dann haben wir keine Tragkraft, sondern nur einen Kreis mit Problemen.
Rückwärtsrichten
Richtig ausgeführt kann Rückwärtsrichten sehr hilfreich sein. Es kann die Koordination verbessern und die Hinterhand mehr aktivieren.
Falsch ausgeführt ist es allerdings schnell nur ein rückwärts-schlurfen.
Und genau daran arbeite ich in meinem Unterricht und Training
Wenn du jetzt denkst:
„Schön und gut, aber wie fühle ich das denn bitte im Sattel?“
Dann bist du damit nicht allein.
Tragkraft ist kein Punkt, den man einmal abhakt. Sie entsteht Schritt für Schritt. Durch besseres Körpergefühl, sinnvolle Übungen, passende Hilfen und vor allem durch ein Pferd, das nicht dauerhaft vom Reiter „zusammengehalten“ werden muss.
Genau daran arbeite ich in meinem Unterricht und Training.
Mir ist wichtig, dass Pferd und Reiter verstehen, was sie da eigentlich tun. Es geht nicht darum, Lektionen irgendwie abzuspulen oder ein Pferd in eine schöne Form zu bringen. Es geht darum, Bewegung zu verbessern.
Wir schauen gemeinsam:
- Wo verliert dein Pferd die Balance?
- Schiebt es eher nach vorne, statt wirklich zu tragen?
- Fällt der Brustkorb zwischen die Schultern?
- Wird dein Pferd vorne schwer?
- Fehlt Rumpfstabilität?
- Kommen deine Hilfen wirklich an?
- Kann dein Pferd eine Veränderung auch selbstständig halten?
Mein Ziel ist nicht, dass du immer mehr machen musst.
Mein Ziel ist, dass du immer feiner werden kannst.
Denn gute Ausbildung bedeutet für mich:
Du gibst eine klare Hilfe, dein Pferd versteht sie, findet seine Balance und du darfst wieder leiser werden.
Im Unterricht und Training verbinde ich deshalb gymnastizierende Arbeit, feine Hilfengebung und ein Verständnis für den Pferdekörper. Je nach Pferd arbeiten wir an Übergängen, Seitengängen, gebogenen Linien, Rumpfstabilität, Balance, Losgelassenheit und mehr Tragkraft.
Nicht nach Schema F.
Nicht mit Druck.
Und auch nicht mit dem Ziel, dass dein Pferd einfach nur „hübsch den Hals macht“.
Sondern mit dem Ziel, dass dein Pferd gesünder, stabiler und verständlicher durch den Körper arbeitet.
Hinten aktiver.
Im Rumpf stabiler.
Vorne größer.
Und irgendwann hoffentlich so selbstständig, dass du nicht jeden Schritt persönlich beim Pferd beantragen musst.
Wenn du dir für dein Pferd genau diese Art von Arbeit wünschst, begleite ich euch gerne im Unterricht oder Training.
